Win Schumacher journalist, fotograf, weltreisender alles wahre leben ist begegnung
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Nunavut

Einhorn aus dem Eis

Die kanadische Arktis ist die Heimat der geheimnisvollsten aller Wale

„Sie werden kommen“, sagt der Inuit-Jäger, „sie müssen kommen. Es kann nicht mehr lange dauern. Sie kommen jedes Jahr um diese Zeit zurück.“ Die schmalen Augenschlitze von David Oyukuluk tasten den Horizont ab. Die Mitternachtssonne wirft ein milchiges Licht auf das Meer. Sturmvögel tauchen in das Eiswasser, das den bleiernen Polarhimmel spiegelt. Der Jäger hält Ausschau nach Qilalugaq, Einhörnern. Die Narwale mit ihrem geheimnisvollen gedrehten Stoßzahn gehören zu den wichtigsten Beutetieren der Inuit von Arctic Bay.

In der Ferne triften gewaltige Eisberge vorbei. Die Welt da draußen, weit im Süden, scheint am Admiralty Inlet an der Treibeiskante von Nunavut so fern wie die Sahara und die Serengeti. Selbst von Kanadas Hauptstadt Ottawa sind es bis hierher am nördlichsten Rand des Landes fast sechs Flugstunden.

„Die große Wanderung“ nennen die Inuit die Zeit der Sommermonate, wenn Tausende Wale aus dem Lancastersund im äußersten Norden Kanadas in die Buchten und Fjorde im Süden vordringen. Dann beginnt die große Jagdsaison. Erst tauchen die schneeweißen Schulen der Belugas auf, Qauluqtaq, die weißen Wale. Im anthrazitfarbenen Wasser schimmern ihre Körper wie erlöschende Splitter von Eisbergen, mal türkis mal aquamarin. Die verspielten Wale mit dem kindlichen Lächeln nähern sich häufig neugierig dem Menschen. Bald tönt das dumpfe Brummen der Grönlandwale unter dem Packeis. Arviq, der Riese unter den Walen der Polarmeere grollt nur noch selten in der Tiefe. Der Grönlandwal wird bis zu 20 Meter lang und erreicht ein Gewicht von 100 Tonnen. Mit über 200 Jahren wird er älter als alle anderen Säugetiere. Einst wurde er von Walfängern wegen seines wertvollen Trans an den Rand der Ausrottung gebracht. In den Gewässern um Spitzbergen und Grönland färbte sich im 18. und 19. Jahrhundert das Eismeer rot von seinem Blut. Heute dürfen in Nunavut nur noch drei Wale jährlich von den Inuit erlegt werden. […]